Innere Anteile und Mitgefühl

Metaartikel über die Arbeit mit Inneren Anteilen. Warum Differenzierung und Achtung der Verschiedenheit auf dem Weg zur Integration und Ganzwerdung wichtig ist. Welche Teile kennen wir, usw.


Wie Ihnen die Arbeit mit Inneren Anteilen dabei helfen kann, Sich besser zu verstehen

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Es liegt in der Natur des menschlichen Geistes, aus verschiedenen Teilen zu bestehen, bzw. verschiedene innere Zustände einnehmen zu können. Diese unterscheiden sich sowohl im Erleben, Verhalten und Wollen, als auch in ihren Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten. Viel wichtiger noch ist die unterschiedliche Fähigkeit, Wirklichkeit und Mitwelt adaptiv zu erfassen.

Nützliche, hilfreiche aber auch weniger nützliche, schädliche bis zerstörerische Zustände/Teile „wohnen“ in uns. Manche sind hoch funktional, moralisch, emotional und kognitiv gereift. Andere wiederum sind wie kleine Kinder.

Dieses zutiefst menschliche Phänomen hat seinen Niederschlag in verschiedenen Schulen der Psychotherapie, als auch in Coachingmethoden, Persönlichkeitsentwicklung und Philosophie gefunden.

Verschiedenste Klassifizierungen wurden gefunden, die mehr oder minder alle das gleiche Phänomen beschreiben: Ego-States (Ego-State-Therapie), Objekt- und Beziehungsrepräsentanzen, Freuds Über-Ich, Ich und Es (historische Tiefenpsychologie), kognitiv-affektive Schemata (Schematherapie), Top-Dog und Under-Dog (Gestalttherapie), innere Antreiber (Coaching), innere Anteile (systemische Hypnotherapie) – oder einfach nur Teile.

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WIP - Work in Progress

An diesem Artikel arbeite ich derzeit

Es kann gut sein, dass Sie in einigen Tagen hier schon wieder eine neue Version finden.

(Publikation vor Perfektion)

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Warum Arbeit mit Inneren Teilen?

Die Teilearbeit im Allgemeinen ist eine von vielen Methoden, um mit sich selbst in Kontakt zu treten, innere Konflikte und Schwierigkeiten, aber auch Lösungsmöglichkeiten erlebbar zu machen. Einen Reflexionsprozess anzustoßen, der die Fähigkeiten zur Mentalisierung stärkt. (Im einfachsten Sinne: sich über sich selbst und andere und deren Motivationen ein Bild machen zu können.)

Dieses „mit-sich-selbst-in-Kontakt-treten“ ist die Grundlage von Psychotherapie, Coaching, Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität. Einen Zugang zu finden, der es Ihnen ermöglicht über Ihre Art zu fühlen und zu empfinden, Ihre Art des Denkens und Deutens, über Ihr Handeln und Nicht-Handeln in einen Reflektionsprozess einzusteigen. Grundlegende Motivationen und Werte zu erkennen, die Ihre Wahrnehmung und Ihr Handeln beeinflussen.

Darüber können nicht nur etwaige Mängel bewusst werden, sondern auch Potentiale zur Entwicklung deutlich werden. Stellen Sie z.B. fest, dass bestimmte Anteile in Ihnen unterentwickelt sind, dann können Sie diese gezielt stärken und damit weiter entwickeln.

Die Teilearbeit ermöglicht dabei zwei wichtige Dinge: zum Einen innere Strebungen und Beziehungen deutlich zu machen, zum Anderen aber auch die notwendige Position einnehmen zu können, aus der heraus Sie Sich selbst beobachten und reflektieren können (Subjekt-Objekt-Transformation).

Manchmal ist dazu erst mal die Schaffung einer Distanz nötig. Eine Distanz die wir alle unweigerlich brauchen, um zu schwierigeren Aspekten Kontakt aufzunehmen und die dabei auftretenden Emotionen und Erregungszustände regulieren zu können. Wir nennen das auch eine therapeutische Spaltung. Es mag paradox klingen – wir spalten, um zu integrieren.

Dem Inneren Kind in uns können wir nur schwer helfen, wenn wir gerade ganz von ihm ausgefüllt sind. Wir brauchen dazu unseren erwachsenen Anteil. Dessen Ressourcen können wir nur nutzen, wenn wir uns (auf irgendeine Art und Weise) vom inneren Kind distanzieren; einen Unterschied einführen.

Die Grundlage der Teilarbeit

Teilearbeit beginnt mit einem ganz einfachen sprachlichen Trick. Anstatt zu sagen: „ich ärgere mich über mich selbst“ formulieren Sie einfach um in: „ein Teil von mir ärgert sich über mich“. Aus „ich hasse mich, wenn ich so bin“ wird so: „ein Teil von mir hasst mich, wenn ich so bin“.

Vorwegnehmend möchte ich bemerken, dass meist an dieser Stelle bereits eine Ahnung davon entsteht, dass Sie nicht gleichzeitig hassen können und fühlen können, wie es ist, gehasst zu werden.

In „ich ärgere mich über mich selbst“ sind Objekt und Subjekt identisch – erst die Konstruktion mit „ein Teil von mir …“ ermöglicht eine Unterscheidung von Subjekt und Objekt, damit Subjekt-Objekt-Transformation (die Grundlage von Persönlichkeitsentwicklung und Wachstum).

Warum die Teile personifizieren?

Also unterstütze ich Sie in meiner Arbeit oftmals darin, Ihre verschiedenen Anteile als unterschiedliche Persönlichkeiten anzusehen, welche Sie außerhalb von sich verorten können. Die Sie sogar auf einen Stuhl setzen könnten, betrachten und beschreiben könnten. Über die Sie auch in der dritten Person reden können. Vielen meiner Klienten erscheint dies zunächst etwas gekünstelt.

Interessanterweise ermöglicht die Personifizierung unserer Teile, dass wir zunehmend uns selbst als Person wahrnehmen können. Als Person, die sich von den Teilen unterscheidet. Wir können zu einem Gegenüber in uns selbst werden. Erst durch dieses „Sich-in-Beziehung-setzen“ wird eine Unterscheidung möglich. Und die ist oft so wichtig.

„Ich selbst“ kann zu abstrakten Konzepten in mir nur schlecht eine lebendige Beziehung aufbauen. Sie verbleiben in der Sphäre der Gedanken, körperlos. Mit dem „kleinen Jungen“ in mir, der manchmal allzu trotzig ist, kann ich viel besser umgehen und ihm seinen Trotz lassen (mich also nicht von ihm führen lassen), wenn ich ihn in Gedanken als Gegenüber erlebe.

Innere Teilearbeit hat also Selbstführung zum Ziel. Die Personifizierung von Anteilen verstehe ich (und viele meiner Kollegen) noch immer als notwendigen Schritt auf diesem Weg. Weil nur so die Beziehung lebendig werden kann und damit erlebbar wird. Und Sie nur Zugriff auf Ihre Ressourcen haben, wenn Sie Sich auf die eine oder andere Art und Weise von Teilen distanzieren.

Beziehungen haben unser Sein geprägt, Beziehungen sind die Grundlage unseres Lebens und Beziehungen sind das, was heilen kann. Beziehung lässt unsere Potentiale wachsen oder verkümmern. Wir führen ständig Beziehungen: mit anderen Menschen, aber auch mit uns selbst und sogar in uns selbst.

Warum wir manche Teile am Liebsten los wären!

Manch unserer inneren Anteile tragen Gefühle mit sich, die wir einst nie wieder spüren wollten. Und die wir auch heute noch kaum spüren können, weil wir den Raum dazu nicht halten können. Manch Anteil befindet sich in einem geistigen Zustand, der ein Leben nicht mehr lebenswert erscheinen oder im Chaos versinken lässt. Ein anderer lässt Sie zwar dabei zusehen, wie er einen geliebten Menschen in Ihrem Leben immer wieder völlig entwertet und damit verletzt, obwohl Sie das nicht wollen. Andere Anteile lassen Sie nicht mehr in Ruhe arbeiten oder torpedieren sogar Ihre wichtigsten Ziele.

Da ist es kein Wunder, dass wir manchen unserer Inneren Anteile am Liebsten los wären, sie gerne ins Exil schicken würden. Sie sind schließlich schlechte Zeitgenossen. Manche Anteile sind so mächtig, dass unter ihrem Einfluss kein normales Handeln und Funktionieren mehr möglich ist. In Reaktion auf Ihre Anwesenheit erstarren wir, wählen (unwillkürlich und unbewusst) den depressiven Rückzug oder sind von Gefühlen überflutet und handeln in einem oftmals nur sehr wenig zielführenden reaktiven Aktionismus, der meistens damit einhergeht, dass Andere verletzt werden. Jemand in uns hat dann letztendlich Angst, vernichtet zu werden (auch wenn das mitunter nicht bewusst ist) und handelt entsprechend.

Hier wird bereits deutlich, dass davon auszugehen ist, dass die Beziehung unter den Anteilen nicht wirklich optimal verläuft. Oder was würden Sie über die Beziehungen in einer Familie sagen, in der ein Kind immer wenn es wütend ist, in den Keller gesperrt wird?

Es gibt keine per se schlechten Teile.

Aus humanistischer Sicht gibt es keine per se schlechten Teile. Sie alle sind in guter Absicht entstanden und haben sich in guter Absicht weiter entwickelt. Auch wenn Sie über die Jahre dysfunktional, maladaptiv und anachronistisch wurden. Manche sind in ihrer Entwicklung stehen geblieben, haben sich verirrt, hausten jahrelang im Keller, sind verwahrlost. Andere haben sich in übermächtigen, fast schon diktatorischen Haltungen verfangen und handeln ohne Rücksicht auf Körper, Herz und Beziehungen. Verfolgend strafende Innere Richter und trotzige Schreihälse, Privatarmeen, die alles niederbrennen, sobald Gefahr droht. Auch der Teil, der sich depressiv im Bett verkriecht und sich die Bettdecke über den Kopf zieht, verfolgt im Grunde eine gute Absicht.

Wie kann eine Kontaktaufnahme mit „schlechten“ Anteilen gelingen?

Wenn Sie sich Ihren inneren Anteilen mit Neugier, Offenheit und ohne Bewertung und Verurteilung nähern, dann können Sie auch zu „schlechten“ Teilen Kontakt aufbauen. Auch wenn sich ein Teil oberflächlich sehr schlecht verhält, gehen wir davon aus, dass direkt unter seiner Oberfläche ein guter Kern liegt. Wenn sowohl Sie, als auch der Teil sich ein wenig entspannen können, dann kann es sein, dass ihr Teil Ihnen dann dann seine/ihre geheime Geschichte erzählt. Sich schrittweise öffnet und berichtet, was ihn veranlasst hat, seinen natürlichen, wertvollen Zustand zu verlassen. Warum er dachte, sich in eine Rolle begeben zu müssen, die nicht seiner Natur entsprach, aber vielleicht einmal nötig war, um Sie als Kind zu beschützen. Und vielleicht auch, was ihn daran gehindert hat, wieder aus der Rolle zu schlüpfen, die nicht mehr benötigt wird, da sie mittlerweile Wachstum hemmt.

Was wir oft verwechseln

Leider kommt noch eine Verwechslung hinzu: wir neigen dazu, unsere inneren Teile mit dem zu verwechseln, was sie tragen. Auch in manchen spirituellen oder neo-spirituellen Schulen kann es zu dieser Verwechslung kommen. Da wird das Ego bekämpft, anstatt zu schauen, was denn mit dem Ego los ist, dass es sich so verhält und letztendlich zu erkennen, dass jeder Mensch erst einmal ein ausreichend stabiles Ich (Ego) braucht, bevor er es transzendieren kann. (Ken Wilber beschrieb dies vor vielen Jahren als die Prä-Trans-Verwechslung)

Ohne Ego, oder Ich-Identität mit entsprechenden Grenzen zwischen sich und der Außenwelt würde es uns psychologisch und überlebenstechnisch recht schlecht ergehen. (Solange wir keinen Ashram haben, der uns dafür zum Heiligen kürt und sich fortan um unsere weltlichen Belange kümmert).

Es kann also sein, dass wir einen Anteil nicht in seinem Wesen erkennen, sondern nur auf die Last oder Rolle schauen, die er trägt. Und dies mit seinem Wesen verwechseln.

Dies führt bspw. zu der Idee, dass der innere Richter lediglich aus internalisierten elterlichen und gesellschaftlichen Ge- und Verboten besteht, letzten Endes also aus Introjekten. Was ganz natürlich zu der Idee führt, man müsste diese lediglich entfernen oder abschaffen. Doch der Innere Richter ist mehr als das. Hinter seiner teils sehr hart urteilenden und strafenden Maske verbirgt sich unter Umständen ein zutiefst besorgtes und ängstliches Wesen, das tut, was es kann, um uns vor Unheil zu schützen.

Letztlich habe ich auch noch keinen Inneren Richter gesehen, der sein Amt an den Nagel gehängt hätte und die innere Bühne verlassen hätte. Allerdings schon einige, die aus irgendwelchen Gründen keine Lust mehr hatten, oder keinen Sinn mehr darin sahen, so wie bisher weiter zu machen. Vielleicht gingen Sie auf Umschulung, vielleicht haben sie auch nur gelernt, nicht mehr so ängstlich sein zu müssen ;-). Zunehmend verwandelten Sie Sich in wertvolle Evaluatoren, die wertschätzend und fehlertolerant daran mitarbeiteten, ein gutes und ausgefülltes Leben im Sinne Ihres Erfinders zu führen. (auch wenn alte Seiten immer mal wieder durchbrechen).

Das, was wir heute den Inneren Richter oder Kritiker nennen, wurde aus meiner Sicht als eine innere Instanz geschaffen, welche die Qualität des Wissens über die Welt da draußen und der Unterscheidungs- und Urteilskraft auf sich versammelte und dabei helfen sollte, sich als Organismus und lebendiges Wesen in der Welt zurecht zu finden. Als ein Teil, der Orientierung gibt und Handeln auf Erfolg hin überprüft. Als Begleiter, guter Freund, Therapeut und Coach, nicht als Richter und Kritiker.

Welche Rolle spielen Traumata und frühe Bindungserfahrungen?

Traumata aus Bindungsverletzungen (schlechte Elternschaft) und reale Traumata haben den Effekt, bestimmte Anteile aus ihren natürlichen, wertvollen Zuständen in Rollen zu drängen, die für das Individuum und seine Beziehungen schädlich werden können.

Die inneren Kinder werden durch Traumata verletzt. Vor der Verletzung sind sie spielerisch, neugierig, offen, kreativ, voller Freude und Unschuld. Nach der Verletzung tragen sie die Last des emotionalen Schmerzes. Scham, Verlassenheitsgefühle, Wertlosigkeit usw.

Bildlich gesprochen kann es unter bestimmten Umständen sein, dass in solchen Situationen „ein Kind abgespalten wird“. Ein neues „inneres Kind“ entsteht. Weil die Geschichte, die es zu erzählen hätte zu schlimm ist, als das irgendjemand damit umgehen kann, nimmt es die Geschichte mit und schließt sich selbst aus. Der im Trauma erlebte Zustand wird von diesem „Schattenkind“ getragen. Es bleibt in Trauma, Zeit und Zustand gefroren. Es macht das für das wahre Kind, so dass es weiterhin Kind bleiben kann und überleben kann.

Die anderen Teile lernen unter Umständen schnell, dass es auch weiterhin eine gute Idee ist, dass Schattenkind vom Geschirr fernzuhalten. Um sich weiterhin ok zu fühlen und weiterhin im Alltag zu funktionieren, tendieren wir dazu, sie zu ignorieren oder in inneren Kellern, Abgründen, Zysten wegzusperren und einzukapseln.

Ich denke, dass wir die Inneren Kinder nicht umsonst Kinder nennen. Wenn sie sich zeigen, dann kann man manchmal deutlich erkennen, dass sie wirklich noch Kind sind und ihnen auch nur die Fähigkeiten eines Kindes zur Verfügung stehen.

Schattenkinder machen uns Angst. Sie tragen die Gefühle und Geschichten, die wir nie wieder spüren wollten und die wir gerne vergessen. Angst setzt unsere Fähigkeiten herab.

Sonnenkinder hingegen sind wir alle recht gerne. Mit Ihnen identifizieren wir uns gerne.

Warum sind manche Teile so jung?

Das Problem vieler Teile ist, dass sie meist noch nicht mitbekommen haben, dass Sie keine fünf Jahre mehr alt sind. Also behandeln sie den erwachsenen Menschen entsprechend. Aus Sicht des Teils müssen Sie wie ein Kleinkind beschützt werden. (Entsprechend weiß der Teil auch nur sehr wenig über ihre inzwischen erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten).

Dies betrifft zum Einen die Gruppe der „Manager“, als auch die Gruppe der „Exilanten“ (also der Kinder, die aus Traumata heraus „geboren“ wurden).

Exilanten, also Teile, die jahrelang im „inneren Keller“ lebten und damit kaum Anteil an den Erfahrungen im Leben hatten, konnten auch keinen Anteil an den Lernerfahrungen machen, die andere Teile vielleicht gemacht haben.

Können wir dies verstehen, so lässt sich manche Handlungsweise besser verstehen und es fällt uns leichter, Mitgefühl und Interesse für sie zu entwickeln (oder zumindest die Abwehr ein Stück zurück zu nehmen).

Unsere Kultur: „Einfach-immer-weiter-gehen“

Als Kind müssen wir immer dann einfach weiter gehen, wenn unsere Umgebung uns nicht erlaubt, zu heilen. Die Schattenkinder zu offenbaren und zu heilen. Zum Einen haben wir einen starken Überlebenswillen. Dazu passen wir uns an. Auch wenn das bedeutet „kleine Zwillinge mit den schlimmen Geschichten zusammen in den Keller zu sperren“. Zum Anderen tun wir das aus Liebe zu unserer Familie. Auch Eltern, die nicht zu einer mentalisierenden Haltung fähig sind, dürfen erlebt nicht mit den Geschichten und Gefühlen überlastet werden, weil man sie dann „verlieren“ könnte. Die Schattenkinder bleiben also weiterhin eingefroren.

Je älter wir werden, desto mehr werden in dieser Haltung auch von der herrschenden Kultur und ihrem Umgang mit der Ressource Zeit bestärkt. Es gibt nur wenig Räume fürs Innehalten. Schule, Hausaufgaben, Prüfungen, Arbeiten, Kinder, Familie, etc. Die Kultur verlangt nicht unbedingt von uns die Haltung, aber für was anderes finden viele weder Zeit, noch werden darin unterstützt.

Viele müssen einfach-immer-weiter-gehen. Sich mit Schmerzen, Unangenehmem oder Vergangenem, mit sich selbst zu beschäftigen, braucht Ressourcen. Und wo ständiges Funktionieren, Haben und Leistung im Vordergrund stehen, bleiben wertvolles Nichts-Tun und Sein im Hintergrund. Wir verbringen unter Umständen den ganzen Tag mit anderen Menschen, doch qualitative Beziehungserfahrungen sind rar.

Es ist ja doch nichts daran zu ändern. Was geschehen ist, ist geschehen und lange darüber traurig oder wütend zu sein erscheint nicht hilfreich. Wer sich zu lange selbst in Frage stellt, kommt im Leben nicht weiter. Mach lieber einfach weiter!

Wenn eine Familie einfach immer weiter macht. Weiterhin die einen Kinder kontrolliert, ignoriert und sie aussperrt, die anderen Kinder in Rollen drängt, die Ihnen nicht entsprechen. Dann tun die Kinder fast immer das Gleiche. Sie werden zunehmend extremer.

Landkarten

Landkarten können uns helfen, Gebiete zu beschreiben, sind jedoch nie das Gebiet selbst. Sie können uns auch dabei helfen, zu erkenne, welche Gebiete auf der Landkarte für uns noch „unentdeckt“ sind.

Landkarten I - Klassifikation nach IFS - Internes Familien-System

Das interne Familiensystem unterscheidet verschiedenen Gruppen von inneren Teilen: Exilanten (Ausgestossene), Protektoren, wie Manager und Feuerwehrleute, Kümmerer und Helfer

Die Gruppe der Exilanten – oder Ausgestoßenen

Die Folge dieses „Übergehens“ innerer Anteile führt dazu, dass einige dieser inneren Teile zunehmend zu „Exiles“, Ausgestoßenen werden. Die Innenwelt wird zunehmend fragmentierter und der Grad der Integration sinkt. Je mehr Ausgestoßene in Ihnen existieren, desto eher fühlen Sie Sich empfindlich, verletzlich, die Welt wird Ihnen als als ein sehr viel gefährlicher Ort vorkommen. Weil es so viele Dinge gibt, durch welche die Ausgestoßenen aktiviert und getriggert werden können.

Kurz gesagt, die Exiles tragen die Gefühle, mit denen Sie damals nicht zurechtgekommen sind.

Was geschieht, wenn ein "Exile" getriggert wird

Und wenn sie getriggert werden, dann brechen sie aus ihrem Verlies aus, Flammen von Emotionen bedrohen mit Überflutung und das Leben kann unter dem Einfluss des Traumakörpers recht miserabel werden. Chaos, Rigidität und/oder Depressionen und Ängste können die Folge sein.

Um das Triggern, die Reaktivierung zu verhindern, werden andere Anteile aus deren natürlichen, wertvollen Zuständen in Rollen gedrängt, die sich nunmehr darum kümmern, dass der Gesamtorganismus von den Ausgestoßenen nicht mehr bedrängt und beeinflusst wird. Dies geschieht meist über den Versuch die inneren Systeme zu kontrollieren.

Sie verhalten sich manchmal wie Kinder ...

Sie sind wie Kinder in einer dysfunktionalen Familie, die in eine Rolle gedrückt worden sind, um sich selbst oder die Familie zu beschützen. Wenn ein guter Familientherapeut kommt und die Familie reorganisiert, wird das Kind glücklich diese Rolle verlassen und wieder zu dem zu werden, was es natürlicherweise ist.

Ziel also: die Anteile aus diesen Rollen zu nehmen, sie von Ihnen zu entlasten. Dann kehren sie von selbst zu ihrem natürlichen Zustand zurück.

Wie wir festgestellt haben, sind manche Inneren Teile damit beschäftigt, uns zu schützen.

Die Gruppe der Protektoren

Einige von denen versuchen die Außenwelt (oder den Zugang zur Außenwelt) so zu kontrollieren, dass niemand und nichts die Exiles triggern kann. Wir tun dann alles, dass unsere Verletzungen nicht wieder zu Tage treten.

Z.B. werden Ihre Beziehungen gemanagt, sie werden so kontrolliert, dass Ihnen niemand nahe genug kommen kann, um einen Exile zu triggern (make you feel bad, reject you). Oder die Beziehung wird so kontrolliert, dass er sich gar nicht weit genug entfernen kann.

Manche kontrollieren Ihre Leistung und Performanz in der Welt. Sie haben recht gute Maßstäbe dafür, was Sie tun müssen, um sich z.B. nicht wieder wertlos fühlen zu müssen.

Manche nutzen dafür Kritik, Bewertung und Abwertung (alles Angriffe auf das Selbst), teils um Sie zu Besserem zu motivieren, manchmal aber auch um Ihre Konfidenz zu untergraben, dass Sie keine Risiken eingehen.

Die Gruppe der Feuerwehrleute

Wenn es dann dochmal passiert, dass Ausgestossene aktiviert werden, dann treten die Feuerwehrleute in Aktion. Diese bezeichne ich auch gerne als "Eingreiftruppe".

Das eigene Kontrollerleben unter ihrem Einfluss ist eher wenig und schwach. Sie nehmen einen aus der Kontrolle heraus. In tiefster Überzeugung, dass ein Notfall eingetreten ist, machen sie sich an die Rettung. (Und unter Rettung verstehen sie oftmals das Übergehen und Wieder-Verschwinden-Machen der ungewollten Gefühle und inneren Anteile). Sie nehmen dabei keine Rücksicht auf Kollateralschäden.

Die Gruppe der Kümmerer

Der oft im Zusammenhang mit Burnout auftretende Anteil, der sich darum kümmert, dass Sie Sich vor allem um andere kümmern, sich selbst aber vernachlässigen. Auf dass sie sich ja nicht um sich selbst kümmern. Auch gerne als Helfersyndrom bezeichnet.

Landkarten II – gute Rollen, die oft fehlen oder einfach nur vergessen wurden

  • Die weise Frau, der weise Mann

  • der gute innere Vater (sich selbst ein guter Vater zu sein)

  • die gute innere Mutter (sich selbst eine gute Mutter zu sein)

  • der Lehrer, der Forscher, der Entdecker, der Mutige, …

  • higher self, Selbst

  • Der Träumer, der Visionär, der Idealist

Landkarten III – Innere Antreiber, Motivatoren und Persönlichkeitstypen in der Wirtschaft

Eine der populärsten Vertreter aus der Welt der Wirtschaft (Coaching, Teamentwicklung&Co) ist die sogenannte Motiv-Struktur-Analyse ©. Mittels Fragebogen und Auswertungsgesprächen werden dort 18 Innere Antreiber erkannt, erfragt und klassifiziert und auf ihre Auswirkungen (und ggf. Eignung für das Team) hin überprüft. Weitere Verfahren, die in der Wirtschaft viel Anwendung finden, sind: Insights, MBTI, DISG.

Beispielhaft sollen hier die 18 Motivatoren der MSA© genannt werden: Wissen (intellektuell vs. pragmatisch), Prinzipientreue (prinzipienorientiert vs. zweckorientiert), Macht (führend vs. geführt), Status (elitär vs. bodenständig), Ordnung (strukturiert vs. flexibel), Materielle Sicherheit (festhaltend vs. großzügig), Freiheit (eigenständig vs. teamorientiert), Beziehung (kontaktfreudig vs. distanziert), Hilfe/Fürsorge (fürsorglich vs. eigennützig), Familie (familienorientiert vs. individuell), Idealismus (idealistisch vs. realistisch), Anerkennung (sensibel vs. selbstsicher), Wettkampf (kämpferisch vs. ausgleichend), Risiko (risikofreudig vs. risikobewusst), Essen (genießerisch vs. genügsam), Körperliche Aktivität (bewegungsfreudig vs. bequem), Sinnlichkeit (sinnlich vs. sachlich), Spiritualität (sinnsuchend vs. rational).

Auf den Seiten von 16personalities (MBTI) finden sie eine Übersicht der dort geführten Persönlichkeitstypen, sowie einen kostenlosen Persönlichkeitstest.

Auch wenn diese Methoden, Klassifizierungen und Testungen einer ökonomisch notwendigen Vereinfachung unterliegen, beschreiben Sie die Landkarte recht gut und geben eine gute Übersicht, die zur weiteren Selbsterforschung anregen kann. Die Motivstrukturen verbleiben als kognitive Konstrukte, abstrakte Ideen (MSA). Der MBTI spricht bereits von Persönlichkeiten und trägt damit der ihnen innenwohnende Lebendigkeit und ihrem teilweisen Eigenleben (Subpersonalitäten) Rechnung.

Weniger beachten diese Systeme die Übergänge zwischen versch. Persönlichkeitsanteilen, Gründe und Auslöser für einen Wechsel und die schweren Konflikte, die dadurch teilweise entstehen können. Aber das liegt auch nicht im Sinne der Entwickler und Anwender, weil hier die Bestimmung der hauptsächlich (im Beruf) vorherrschenden Persönlichkeits-Dynamik im Mittelpunkt stehen.

Was hat das ganze mit Mitgefühl zu tun?

Meist geht es erst mal um die Feststellung, dass Mitgefühl im inneren Miteinander eher Mangelware ist. Sym- und Antipathien, Ignoranz, Machtspiele, Unterdrückung, Abwehr und mannigfaltige Konflikte stehen eher im Vordergrund.

Die Qualität von Mitgefühl, einhergehend mit Offenheit, Neugier und weiteren essenziellen Qualitäten ist eine Möglichkeit, wieder Frieden und Miteinander in der Inneren Landschaft entstehen zu lassen. Vergebung spielt dann auch eine wichtige Rolle, welche aber auch wieder auf Mitgefühl basiert.

Viele Menschen stellen auch fest, dass ihnen Mitgefühl in ihren Außenbeziehungen fehlt und sie möchten dieses entwickeln. Mitgefühl muss dabei immer in beide Richtungen gehen. External und Internal. Um ggb. einem externen „Gegner“ Mitgefühl zeigen zu können, musst Du auch entsprechenden Anteilen in Dir selbst Mitgefühl geben können. Je mehr ich innerlich im Streit, in der Abwehr bin, je mehr ich bestimmte Teile in mir verdrängen und aus dem Bewusstsein halten muss, desto mehr geschieht mir das auch in meinen Beziehungen mit der Mitwelt. Das Mitgefühl im Innen wird zur Voraussetzung für Mitgefühl nach Außen. Sonst können interpersonelle Abwehr, Streit, Rückzug und Grabenkriege bis hin zu Trennungen die Folge sein.

Warum bleiben Sie in diesen Rollen?

Wie bereits gesagt, gehen wir davon aus, dass viele der eingenommenen Rollen dysfunktional, maladaptiv und anachronistisch wirken und handeln. Gründe für das Verbleiben in diesen Rollen und ausbleibende Entwicklung entsprechend Ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten sind:

  • Das Gefangensein in einer bestimmten Zeit und Entwicklungsstufe

  • Verhaftet-Sein im Trauma

  • Das Tragen der emotionalen Last – extreme Emotionen, die meist in traumatischen Situationen aufkamen und sich dann regelrecht an die Teile „binden“. Fast wie ein Virus. Diese Emotionen bestimmen dann, wie dieser Anteil funktioniert.

  • Fehlende Aufmerksamkeit, Beachtung und Kommunikation, Spiegelung usw. Alles das eben, was ein Kind normalerweise braucht, um sich weiter zu entwickeln

Was geschieht, wenn hier Heilung stattfindet?

Direkt unter der Oberfläche aller Anteile gibt es eine Art von Essenz in Menschen. Die ein wenig der Buddha-Natur ähneln mag. Dies zeigt sich immer wieder in Psychotherapie und Coaching. Wenn ein wenig Entspannung einkehren darf, dann tauchen plötzlich Qualitäten auf, die eine Kommunikation ermöglichen.

Immer wieder mache auch ich in den Sitzungen mit Klienten die Erfahrung, dass es Anteile gibt, die von meinen Klienten gehasst und abgelehnt werden; die meine Klienten dazu brachten, sie zu hassen.

Wenn man nun versucht, einfach nur den Raum zu halten, einfach nur ein wenig zu entspannen, dann taucht oftmals ganz spontan eine andere "Person" auf. Diese "weiß" dann recht genau, wie sie sich auf diese Anteile beziehen konnte, so daß sich eine Qualität des Miteinanders einstellen kann. Eine Art natives Mitgefühl, das auch Qualitäten von Offenheit, Neugier und Vertrauen beinhaltet. Und wenn Klienten diesen Zustand für einen Moment halten konnten, dann öffnen sich zunehmend auch die zuvor verschlossenen und teils feindseligen Anteile.

In diesen Momenten geschieht Heilung in den inneren Beziehungen. Wenn ich Klienten dann frage: "welcher Teil von Dir war das?" Dann kommt oft die Antwort: das bin ich, das ist kein Anteil. Viele Erfahrungen später kann ich mit Überzeugung sagen, dass es dieses Selbst in jedem Menschen gibt. Diesen Teil, der nicht verletzt oder beschädigt werden kann, gerade unter der Oberfläche liegt und genau weiß, was es braucht. In internen und auch in externen Beziehungen.

Meditation ist eine wertvolle Übung mit diesem Selbst in Kontakt zu treten. Es ist allerdings sehr schwer, dieses Selbst voll zu entern und völlig in der Präsenz und Gegenwart zu sein, wenn immer noch sehr viele Anteile exisitieren, die in der Vergangenheit leben und dort eingefroren sind. Umso mehr solcher Anteile noch im Staub des Vergessens und der Verdrängung leben, desto mehr Protektoren sind auch vorhanden, die z.B. ständig nerven, während Sie meditieren oder Achtsamkeit üben. Weil Sie der Überzeugung sind, Angst haben zu müssen und sich ständig darum sorgen müssen, was du tun musst, um dich selbst vor Teilen von Dir zu schützen.

Ziele in Psychotherapie, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung

Daraus resultiren folgende Ziele in der Arbeit mit Inneren Anteilen. 

  1. Bewusstwerdung eines inneren Raumes, in dem Beziehungen zwischen verschiedenen Anteilen und Rollen stattfinden

  2. Identifizierung eigener Anteile - Sich Gedanken machen über die verschiedenen Anteile, nach ausgeschlossenen und protektiven Elementen suchen

  3. Stärkung der Fähigkeiten zu Reflexion und Mentalisierung.

  4. Beziehung zwischen den Teilen verdeutlichen und erlebbar machen („Wie gehe ich mit mir um?“)

  5. Regulation der Emotionen untereinander, Stärkung des wahren Selbst mit seinen essenziellen Qualitäten

  6. Fehlende Rollen einführen und stärken,Rückführung der Rollen in ihren natürlichen, guten Zustand

  7. Bewusstwerdung, das wir nicht die Rollen und Teile sind, die hier auftreten, sondern der Raum, in dem all das stattfindet.

  8. Stärkung erwachsener Teile, Schaffung eines adaptiven "Teams"

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Quellen und Inspirationen:

Meine Artikel entstehen meist aus dem Zusammenspiel eigener Erfahrungen aus der Arbeit mit Klienten, Fachartikeln und Vorträgen, Inter- und Supervisionen und Ausbildungen. Meist gibt es einen aktuellen Anlass, diese zu schreiben. Vieles fließt mit ein, was ich über die Jahre eingesammelt habe, dessen Ursprung ich aber nicht mehr im Einzelnen benennen kann. Teilweise werden Quellen schon im Fließtext benannt oder verlinkt. Alle anderen im Folgenden:

Homepage des IFS-Europe e.V.

Homepage IFS Institute, USA

Vortrag von Dr. Richard C. Schwartz (2021) am Upaya Institut.

Diverse Vorträge von Gunther Schmidt, u.a. bei Auditorium Netzwerk

Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten (Erstpublikation 1935, überarbeitet 1954). In: Gesammelte Werke 9/1