Komplexität im Berufsleben - Coaching plus Therapie

Ist das die Lösung?

Immer mehr verschwimmen die ehemals klassisch unterschiedenen Bereiche und Aufgaben von Coaching und Therapie. Wo Coaching eher zielorientiert arbeitete, sich auf umgrenzte Aufgaben und Problemstellungen konzentrierte, wo sich Coaches aktiv von der Therapie abgrenzten, entstehen heute immer mehr Aufgabenstellungen, die über das hinaus gehen, was ein Coach oder ein Therapeut jeweils einzeln leisten konnte und wollte.

Durch sich ständig ausweitende Belastungen im Beruf und dessen Bedeutung für die Lebenszeit kann dieser immer mehr zu einer Bühne und einem Austragungsort für Themen und Probleme werden, welche Ansätze erforderlich machen, die über ein Coaching im engen Sinne hinausgehen.

Vereinfachend dargestellt führen wachsende Belastung durch Komplexität, wirtschaftlichen Druck und oft langjähriges Leisten über eigene Grenzen hinweg dazu, dass Menschen an die Grenzen des gewohnten Funktionieren stoßen. Grundlage hierfür ist meist eine Störung im persönlichen Energiehaushalt – die Bilanz ist nicht mehr ausgeglichen. Psychische Energie und Spannung stehen nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung um das gewohnte Funktionieren aufrecht zu halten. Das Selbst-Verständliche wird zur Ausnahme.

Der Beruf wird zum zentralen Lebensraum, in dem Menschen einen Großteil ihres Lebens verbringen; um den herum ein Leben gestaltet wird. Mobilität und Arbeitszeiten, Karriereansprüche beider Geschlechter und viele weitere Faktoren führen zu einem Verlust stützender sozialer Felder. Menschliche Bedürfnisse, die früher außerhalb der beruflichen Tätigkeit ihren Platz hatten, reichen nun in die Unternehmen hinein.

Beschäftigungspolitik, Einseitigkeit der beruflichen Förderung und Weiterbildung auf leistungsfördernde statt persönlichkeitsentwickelnde Felder, die Ellbogenmentalität bei steigendem wirtschaftlichem Druck und vieles mehr führen zum Verlust eines menschlichen Zusammenseins im Beruf. Misstrauen und Angst steigen; die in erfolgreichen Zeiten gemeinsam erfolgreichen Kollegen kämpfen plötzlich nicht mehr miteinander, sondern gegeneinander ums Überleben.

Plötzlich sieht man sich im beruflichen Umfeld mit Problemen konfrontiert, die eher an Verhaltens- und Erlebensweisen von Kindern erinnern. Plötzlich tauchen Trotz und Aggressionen auf, oder Unlust, Leistungsverweigerung, Ängste, Panikgefühle und vieles mehr, was die gewohnte Funktionsweise und den gewohnten Umgang mit sich selbst und das schwer erarbeitete Gleichgewicht zu stören droht oder sogar zerstört.

Es entsteht eine starke Dissonanz zwischen dem Gewohnten, meist über lange Zeit nur noch mühsam aufrecht erhaltenen Selbstbild und der Art und Weise, wie sich das Selbsterleben plötzlich verändert. Gefühle treten plötzlich da auf, wo es keine Gefühle geben darf. Da, wo die meisten von uns funktionieren wollen und auch müssen.

Den Umgang mit diesem, oft recht überraschenden, "Sich-Nicht-Mehr-Erkennen" und den einhergehenden Gefühlen erfordert viel prozessorientierte Arbeit. Eine Arbeit, bei der zwar Ziele benannt werden können, und die sich auch immer an der Erreichung dieser Ziele messen lassen muß, die aber keinen vorgezeichneten Weg gehen kann, die sich an dem Prozess der sich entfaltenden Persönlichkeit orientieren muss. Und all dem, was damit im Zusammenhang steht.

Weil sie zum Mittelpunkt nicht das zu erreichende Ziel hat, sondern den sich ständig wandelnden Menschen. Die zentrale Frage lautet nun nicht mehr „wie stelle ich mich dar?“ sondern „wie lasse ich mich sein?“. Dort, wo ich mich wieder sein lassen kann, da erreiche ich eine Leistungsfähigkeit, die auf einem tiefen „Ja“ zur eigenen Identität und Tätigkeit beruht. Wo der Beruf zur Berufung werden kann, weil ich mich selbst dort sein lassen kann.

Dieser Ansatz erfordert in vielen Teilen ein radikales Umdenken und erleichtert durch die Orientierung an dem Prozess zugleich einen ganz anderen Umgang mit den sich immer komplexer entwickelnden Organisations-Systemen, die durch wachsende Komplexität den Menschen in neuen Bereichen beansprucht. In Bereichen, die weit über das hinausgehen, was die klassische Führungskraft und das klassische Unternehmen bisher definierten.

Die Förderung der Kompetenzen im Umgang und der Akzeptanz eigener Komplexität erhöht automatisch die Kompetenzen im Umgang mit komplexen (äußeren) Systemen (Team, Organisation, Markt). In gewissem Maße werden die Unternehmen mit wachsender Komplexität menschlicher und regen so wieder den Menschen an, seine ihm innewohnende Komplexität an zu erkennen. Äußerer Wandel erfordert inneren Wandel.

In diesem Sinne versuche ich in meiner Arbeit Aspekte aus beiden Bereichen zusammen zu führen. Die Welten des Coachings und der Psychotherapie mehr und mehr zu integrieren, anstatt den Schulenstreit der Altvorderen fortzuführen.

 

(Update: 25.05.2014)